Emotionen gegen Realität

Emotionen gegen Realität

Der Standard am 16. April 2010


Bei einem interessanten Interview mit Monika Lengauer wurde im Standard über die Sinnhaftigkeit von Genanalysen diskutiert und unser wissenschaftlicher Leiter Dr. Daniel Wallerstorfer wurde im internen Interview um eine Stellungnahme zu den Themen gebeten.

Lengauer: In Fragen rund ums eigene Leben spielen Gefühle immer eine große Rolle. Da stehen Emotionen gegen Rationalität. Ein Mal mehr dann, wenn es um Krankheitsrisiken geht. Da gibt es den Faktor Angst, der nicht unterschätzt werden sollte. Jeder, der etwas über die eigenen Gene erfahren will, sollte also über statistische Wahrscheinlichkeiten Bescheid wissen. Beratung vor Gentests spielt deshalb auch eine so große Rolle. Wer sich Gentests aus dem Internet unterzieht, hat sie nicht.

Dr. Wallerstorfer:

Die Aussage "Internet Gentests haben keine genetische Beratung" ist nur bedingt richtig und bei DNA Plus vollkommen falsch. Natürlich gibt es Gentest-Unternehmen vor allem in Amerika, die sich mit den Analysen alleine beschäftigen. Hier bekommt man ein Analyseergebnis das in etwa aussagt: Sie haben einen Gendefekt, der Ihr Eisenspeicherkrankheitsrisiko um X% erhöht. Dazu gibt es hier meistens auch interessante, aber medizinisch nutzlose Informationen wie: Sie haben die Gene für braune Augen (kann man durch einen Blick in den Spiegel auch feststellen) oder Sie haben ein Gen, das Sie im Durchschnitt um 0,4cm größer macht. Bei solchen Anbietern ist die genetische Beratung nicht gegeben und man muss sich alleine im Dschungel der Genetik zurechtfinden. Bei Genanalyse-Anbietern aus dem deutschsprachigen Raum ist das allerdings anders. Wir haben hier sehr strenge gesetzliche Regelungen die eine genetische Beratung vor und nach der Analyse verpflichtend machen. Deswegen gibt es auch so wenige, beziehungsweise mir gar keine bekannten die diesen hohen Qualitätsstandards entsprechen können. Bei DNA Plus war es ein großer Aufwand in der Entwicklung des Services, aber nun haben wir genetische und psychologische Beratung die qualitativ gleichwertig, wenn nicht sogar hochwertiger ist als in manchen ärztlichen Institutionen wo der Arzt unter ständigem Zeitdruck steht. Hier muss ich erwähnen dass wir viele ärztliche Partner haben, die genetische Gesundheitsvorsorge auch im persönlichen Kontext anbieten… also in Ihrer Praxis. Da es sich um eine Selbstzahler-Leistung handelt kann sich hier der Arzt für die Betreuung auch ausreichend Zeit nehmen. Unter diesen Umständen ist die genetische Beratung dann noch ein ganzes Stück personalisierter und kann besser auf individuelle Fragen eingehen. Also um noch mal auf die Aussage zurückzukommen, Internet-Gentests sind nicht unbedingt beratungstechnisch benachteiligt. Das hängt sehr stark vom jeweiligen Anbieter ab.

Lengauer: Die Medizin kann mit naturwissenschaftlichen Methoden Diagnosen erstellen, kann aber dann oftmals keine Behandlungen anbieten. Dadurch kann die Medizin ihre ureigenste Aufgabe, nämlich das Heilen von Erkrankungen, plötzlich nicht mehr bewältigen und lässt Menschen in Unsicherheit zurück. Für die wenigsten Erkrankungen mit genetischen Ursachen, gibt es bisher eine Therapie. Das Therapiedefizit ist also eines von vielen Problemen. Prekär ist genetisches Wissen dann, wenn es zu einem Zeitpunkt erhoben wird, zu dem noch keine Anzeichen von Krankheit bestehen.

Dr. Wallerstorfer:

Um ehrlich zu sein haben wir bei der Entwicklung der Genanalysen genau das gegenteilige Problem. Derzeit, wenn man alle Genanalysen von DNA Plus zusammenzählt, kann schon auf Veranlagung zu etwa 120 verschiedene genetische Krankheiten getestet werden. Bei allen diesen Krankheiten kann man mit dem Wissen gegensteuern und entweder die Krankheit verhindern oder den Verlauf deutlich verbessern. Es gibt aber noch so viele Möglichkeiten die wir ganz einfach aus Zeitmangel noch nicht ausschöpfen konnten. Es gibt noch viele Krankheiten die genetischen Ursprung haben und verhindert oder Behandelt werden können. Es gibt sehr viele gefährliche Nebenwirkungen von Medikamenten, die nur bei genetisch veranlagten Menschen zur Geltung kommen und durch eine Genanalyse verhindert werden. Es gibt einfach noch sehr viele Beispiele wo wir das Wissen einer genetischen Veranlagung auch effektiv therapeutisch einsetzen können.

Standard: Könnte man positiv sehen. Nach einem Gentest könnte jemand mehr auf seine Gesundheit achten?

Dr. Wallerstorfer:

Genau das sehen wir auch in der Praxis. Findet jemand heraus dass sein Zuckerkrankheitsrisiko 3 Mal so hoch ist wie das der meisten anderen ist es auf einmal nicht mehr OK sich auch so zu verhalten wie andere (dabei meine ich z.B. Übergewichtigkeit und Bewegungsmangel). Die Leute verstehen dass für sie andere Regeln gelten und deshalb Vorsorge in bestimmten Bereichen für sie wichtiger ist. Sie müssen das so verstehen, die allgemeinen Richtlinien für ein gesundes Leben wurden so zusammengestellt dass sie für jeden gelten. Dieses Denken stammt aus einer Zeit in der wir entweder glaubten dass wir was Krankheiten betrifft alle sehr ähnlich sind oder wo wir noch nicht die Möglichkeiten hatten individuelle Gesundheitsschwächen festzustellen. Für eine Laktose (Milch)-Intolerante Person ist natürlich eine andere Ernährung wichtig als für jemanden der Milch ohne Probleme verdauen kann. Wir müssen weg von diesem Denken und verstehen dass für jeden andere Regeln gelten.

Zu den Personen:

Monika Lengauer (39) ist Kultur- und Sozialanthropologin und Mediatorin und hat zusammen mit Bernhard Hadolt eine umfangreiche Studie zur Gen-Beratung in Österreich durchgeführt. Sie ist als Buch unter dem Titel „Genetische Beratung in der Praxis" 2009 im Campus Verlag erschienen.

Dr. Daniel Wallerstorfer Bsc ist Molekularbiologe und Biotechnologe, der Geschäftsführer von Novogenia, einem genetischen Labor und einem der größten Anbieter von klinischen Genanalysen und der wissenschaftliche Leiter vom DNA Plus - Zentrum für Humangenetik.